ZENIT SONNTAGLieber Leser Vor gut zwanzig Jahren bekamen grosse britische Arbeitgeber auf eine Stelle für Hochschulabgänger im Schnitt 38 Bewerbungen. Heute sind es 141. Das zeigt die jährliche Umfrage des Institute of Student Employers (ISE) unter britischen Arbeitgebern. Im ersten ganzen Bewerbungsjahr nach dem Start von ChatGPT sprang der Wert von 86 auf 140. Als einen der Gründe nennt der Verband, dass KI das Bewerben leichter macht. Co-Chef Stephen Isherwood beschreibt die Folgen so: Die Arbeitgeber bekämen Bewerbungen, die gleich aussehen. Und manchmal werde KI so stark eingesetzt, dass die Bewerbung die Fähigkeiten eines Kandidaten falsch darstellt. Wie fällst Du auf, wenn jeder seine Bewerbung mit ChatGPT schreibt? Der StapelDas britische Karriereportal Prospects hat im Juni eine Umfrage unter 5’000 Studierenden und Absolventen veröffentlicht. 73 Prozent haben irgendwo im Bewerbungsprozess KI eingesetzt, 46 Prozent für Lebenslauf oder Anschreiben. Jeder fünfte frische Absolvent hat sich auf mehr als 100 Stellen beworben. Männer setzen dabei häufiger als Frauen darauf, sich auf so viele Stellen wie möglich zu bewerben, 33 gegen 26 Prozent. Chris Rea von Prospects sieht eine Abwärtsspirale: Die Bewerber nutzen KI, um vorne zu liegen, und fühlen sich zugleich von ihr bedroht. In der Schweiz hat die Arbeitsmarktbeobachtung AMOSA, hinter der zehn Kantone stehen, knapp 6’000 Stellensuchende befragt, die beim RAV gemeldet waren. 65 Prozent haben für die Jobsuche schon KI genutzt, rund ein Drittel regelmässig. Die befragten Firmen schätzen, dass 39 Prozent der eingehenden Bewerbungen ganz oder teilweise mit KI erstellt wurden. Hinter diesen Zahlen stehen Menschen wie Leonie, 27, Marketing-Managerin aus München. In der ZDF-Reportage «37 Grad» erzählt sie, dass sie nach ihrer Kündigung 30 bis 40 Bewerbungen geschrieben hat. Bis dahin kamen nur Absagen. Die grösste Hürde sei, überhaupt persönlichen Kontakt zu bekommen. Danach sei es viel leichter, zu überzeugen. Kein Roboter am EingangViele glauben, eine Software sortiere ihren Lebenslauf aus, bevor ihn ein Mensch sieht. Farah Sharghi hat als Recruiterin bei Google, Uber und TikTok nach eigenen Angaben über 100’000 Lebensläufe gesichtet. Sie hält das für einen Mythos. Die Bewerbungssoftware der Firmen sei im Kern eine Datenbank, die Bewerbungen speichert und durchsuchbar macht. Automatisch aussortiert werde man nur über sogenannte Knockout-Fragen, etwa ob man ein Arbeitsvisum braucht, und die lege der Recruiter selbst fest. Die Zahlen passen dazu. Nur 16 Prozent der vom ISE befragten Arbeitgeber nutzen überhaupt KI in der Rekrutierung. In der Schweiz setzen laut AMOSA knapp 4 Prozent der befragten Firmen KI für die Vorauswahl ein. Die Befürchtung, dass KI massenhaft Bewerbende automatisch aussortiert, entspreche bislang nicht der Realität, schreibt AMOSA. Das kann sich ändern. 29 Prozent der britischen Arbeitgeber wollen KI im nächsten Jahr einführen. Rund drei Viertel der Schweizer Stellensuchenden erwarten, dass KI künftig den Grossteil der Vorauswahl übernimmt; bei den Firmen ist es knapp über die Hälfte. Heute liest in den meisten Firmen zuerst ein Mensch, und der entscheidet laut Sharghi in Sekunden, ob er weiterliest. Schreib also für diesen Menschen. Stell nach oben, was Du erreicht hast, am besten mit Zahlen. Sharghis Beispiel: Statt «Projektmanagement» schreibst Du «ein Team von acht Leuten geführt und neue Funktionen zwei Wochen früher geliefert». Floskeln fallen dagegen auf. Typisch für KI-Lebensläufe sind laut Rebecca Siciliano, Geschäftsführerin der Personalvermittlung Tiger Recruitment, abgenutzte Phrasen wie «proven track record». Gegenüber Bloomberg sagt sie: «Wir suchen Belege dafür, was jemand tatsächlich geliefert hat.» Mehr Einladungen, keine kürzere StellensucheBringt KI in der Bewerbung also nichts? Doch. AMOSA hat die Stellensuchenden verglichen. Wer KI regelmässig nutzt, bekommt rund 48 Prozent mehr Einladungen zum Vorstellungsgespräch, und das liegt nur zu einem kleinen Teil an mehr Bewerbungen. Laut AMOSA deutet das darauf hin, dass KI die Qualität der Unterlagen verbessern kann. Dann kommt die Wendung. Eine erste Auswertung rund sechs Monate nach der Befragung deutet darauf hin, dass sich regelmässige KI-Nutzer deshalb nicht schneller beim RAV abmelden. AMOSA nennt KI einen Türöffner. Eine kürzere Stellensuche garantiert sie nicht. Die Forscher vermuten, das liege auch daran, dass KI vor allem für die Unterlagen genutzt wird und deutlich seltener für die Vorbereitung aufs Gespräch. Den Vorsprung nennen sie eine Momentaufnahme: Laut einer aktuellen Studie kann er wieder schrumpfen, je mehr Leute KI nutzen. Darum reicht die perfekte Bewerbung allein nicht. Was alle haben, hebt Dich nicht ab. Die Firmen merken das. Von den befragten Schweizer Firmen, die KI-gestützte Bewerbungen bekommen, sagt gut die Hälfte, die Unterlagen wirkten zunehmend standardisiert. Fast ebenso viele finden es schwieriger, einzuschätzen, wie echt eine Bewerbung ist. Angepasst haben ihr Auswahlverfahren bisher erst 7 Prozent, vor allem mit einer genaueren Prüfung der Unterlagen und mehr Referenzen, einige auch mit zusätzlichen Eignungstests oder einer bewusster genutzten Probezeit. In Grossbritannien reagieren die Arbeitgeber schon. 92 Prozent der vom ISE befragten Arbeitgeber hatten Bewerber im Verdacht oder ertappt, im Auswahlverfahren unerlaubt zu tricksen, am häufigsten mit KI in Gesprächen und Online-Tests. 77 Prozent überprüfen oder überarbeiten ihr Verfahren. Und Londoner Personalvermittler erzählen Bloomberg, worauf die Firmen jetzt setzen: Tests unter Zeitdruck, das Netzwerk und Empfehlungen. BeweiseWenn jeder ein perfektes Papier hat, zählt das, was auf Papier nicht geht. Ich sehe zwei Dinge: Beweise und Menschen. Bei meiner eigenen Stellensuche nach dem Master an der HSG habe ich viel mit KI gearbeitet. Für jede Stelle habe ich mit Claude einen eigenen Lebenslauf erstellt, im Branding der Firma und genau auf die Stelle zugeschnitten. Dazu kam ein gut recherchiertes Motivationsschreiben, ebenfalls mit Claude. Dann habe ich ein kurzes Video mit Loom aufgenommen, in dem ich mich vorstelle, mit Folien im Branding der Firma. Und teilweise habe ich gleich etwas Relevantes für die Stelle gemacht. Für eine Stelle im Business Development, Bereich Market Insights, habe ich der Firma direkt Market Insights für ihr Geschäft geliefert. Das Ziel war immer dasselbe: herausstechen und mehr liefern als die anderen, damit ich ein erstes Gespräch bekomme. Genau das wollen die Personalvermittler sehen: was jemand kann. Für Dich heisst das: Nimm eine Aufgabe aus der Stellenanzeige und mach eine kleine Probe davon. Oft reicht eine Seite. Das kostet pro Stelle viel mehr Zeit als ein Klick auf «Bewerben». Das ISE rät trotzdem genau dazu: Qualität vor Menge. MenschenLaut LinkedIn werden Stellensuchende weltweit mehr als dreimal so häufig eingestellt, wenn sie vor der Bewerbung schon mit jemandem aus der Firma vernetzt sind. Zoe McLoughlin, die das Karrierezentrum der London Business School leitet, sagt: Wenn Du einen Job wirklich willst, sollte mindestens eine Person in der Firma Deinen Namen kennen, bevor Du Dich bewirbst. Auch die Befragten von Prospects zählen Netzwerken, gezielt angepasste Bewerbungen und das Recherchieren der Firmen zu den erfolgreichsten Wegen in ein Gespräch. Ich finde, hier liegt Deine eigentliche Chance. KI schreibt Dir den Text. Den Mut, einen fremden Menschen anzuschreiben, nimmt sie Dir nicht ab. Das ist Verantwortung für den eigenen Weg. Zwei Tests im GesprächKommt die Einladung, zählt, was Du selbst sagst. Der deutsche Karriereberater Martin Wehrle beschreibt Tests, mit denen Personaler Dich im Gespräch prüfen, ohne dass Du es merkst. Zwei davon passen genau hierher. Die Konsistenzfalle. Der Personaler fragt dasselbe zweimal, mit anderen Worten und etwa eine halbe Stunde später. Zuerst etwa, ob Du in einer bestimmten Stelle Führungsverantwortung hattest, später, ob Du in Deinem Berufsleben je Führung übernommen hast. Wer sich dann nicht mehr an seine erste Antwort erinnert, wirkt laut Wehrle, als würde er eine einstudierte Biografie herunterleiern. Geh Deine Unterlagen deshalb vor dem Gespräch Satz für Satz durch und überleg Dir zu jedem Satz ein Beispiel, das Du selbst erlebt hast. Der Konformitätstest. Der Personaler stellt absichtlich eine gewagte, falsche These auf, etwa: «Wenn Mitarbeiter nicht spuren, ist es auch mal ganz gut, jemanden vor einer Gruppe kleinzumachen.» Zustimmen ist laut Wehrle ein grosser Fehler. Charakter zeigt, wer freundlich widerspricht: Grenzen setzen gehöre zur Führung, aber so etwas bespreche man lieber unter vier Augen. Hier hilft Dir KI doch. AMOSA vermutet, dass sie bei der Vorbereitung aufs Gespräch mehr bringen könnte. Lass Dich von ChatGPT oder Claude interviewen und bitte darum, Dir genau diese zwei Fallen zu stellen. Claire Tyler, die beim ISE die Studie geleitet hat, gibt Bewerbern einen Rat mit, der gut dazu passt. Vor allem solle man man selbst sein. Arbeitgeber erwarteten keine perfekt polierten Kandidaten; sie wollten verstehen, was jemand wirklich mitbringt. Deine Übung: 3 Menschen statt 30 BewerbungenSuch Dir drei Firmen aus, bei denen Du wirklich arbeiten willst. Finde in jeder eine Person, die dort arbeitet, über LinkedIn, Deine Schule oder Bekannte. Schreib ihr eine kurze, persönliche Nachricht mit einer konkreten Frage zu ihrer Arbeit und frag nach 15 Minuten für ein Gespräch. Erst danach bewirbst Du Dich. Was Du dabei lernst, kommt ins Anschreiben. Wenn alle mit KI schreiben, zählen wieder zwei alte Dinge: dass Dich jemand kennt und dass Du zeigst, was Du kannst. Quellen: Institute of Student Employers, Student Recruitment Survey 2025 und Student Recruitment Report 2026 (Mitteilung vom 14. Oktober 2026, Analyse vom 19. Oktober 2026) sowie «Record graduate job applications» (Oktober 2024); Prospects at Jisc, Early Careers Survey (Juni 2026); AMOSA, «KI in Jobsuche und Recruiting» (April 2026); Bloomberg, «Picture-perfect AI resumes push firms back to tests, referrals» (August 2026), mit Zahlen von LinkedIn; 37 Grad (ZDF), «40 Bewerbungen und nur Absagen» (April 2026); Farah Sharghi, «”Beat the ATS”? They Lied» (YouTube); Martin Wehrle, «SO testen Personaler dich HEIMLICH» (YouTube, Oktober 2026). Alles Liebe, Nicola Catch The Zenith PodcastIch bin Nicola Flückiger und Gastgeber des Schweizer Podcasts Catch The Zenith, mit über 200 erschienenen Episoden. Dich erwarten Gespräche und persönliche Gedanken über Verantwortung, Liebe und Tradition, die Dich Deinem Zenit näherbringen. Jeden Montag erscheint eine neue Folge – unter anderem mit dem ehemals jüngsten Professor der Welt, dem Enkel des Erfinders des Birchermüeslis, dem Gründer eines Milliarden-Unternehmens oder einem Multimillionär-Investor. Dieser Podcast ist mein Versuch, jungen Schweizer Männern zu produktiver Grosszügigkeit zu verhelfen, mich selbst und die Welt besser zu verstehen und die friedliche Koexistenz unterschiedlicher Meinungen zu fördern. Du kannst den Podcast auf YouTube, Apple Podcasts, Spotify oder direkt auf der Website anhören. Episode dieser Woche #279: KI streicht zuerst die Jobs der Jungen
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