ZENIT SONNTAGLieber Leser Du fasst einen grossen Plan. Diesmal ziehst Du es durch. Drei Wochen später ist die Sache eingeschlafen, und Du sitzt da mit dem Gefühl, dass es Dir an Disziplin fehlt. Cal Newport sagt, der Fehler liegt schon davor. Wer sich ein grosses Ziel setzt, um dadurch diszipliniert zu werden, geht es falsch herum an. Disziplin ist eine IdentitätNewports Grundgedanke: Disziplin ist weniger eine Methode für eine bestimmte Herausforderung als eine Identität, die Du Dir aufbaust. Wenn Du Dich davon überzeugen kannst, dass Du ein disziplinierter Mensch bist, kannst Du diese Disziplin auf viele wichtige Ziele anwenden. Daraus folgt, was Du unterlassen solltest: Such Dir kein zufälliges, ehrgeiziges Ziel und beiss Dich daran fest, in der Hoffnung, dadurch disziplinierter zu werden. Wenn Du Dich selbst noch gar nicht als disziplinierten Menschen siehst, führt Dich eine grosse Herausforderung ins Leere. Schritt 1: Bereiche und tägliche GewohnheitenBeginne bei den Bereichen Deines Lebens, die Dir wichtig sind. Newport nennt sie Buckets. Ein guter Ausgangspunkt sind vier: Dein Handwerk, also das, was Du tust und erschaffst. Deine Verfassung, also Deine Gesundheit. Deine Gemeinschaft, also Familie, Nachbarschaft und die Menschen um Dich herum. Und die Besinnung, also Philosophie, Glaube und Ethik. Für jeden Bereich legst Du eine Gewohnheit fest, die Du täglich tust. Sie darf nicht belanglos sein und muss machbar bleiben. Und Du hältst jeden Tag fest, ob Du sie erledigt hast. Beispiel Gesundheit: Ein fünfundvierzigminütiges intensives Training taugt nicht, weil Du das nicht täglich schaffst. Ein einziger Hampelmann am Morgen bringt Dich nirgendwohin. Dazwischen liegt das Richtige, etwa eine bestimmte Anzahl Schritte pro Tag. Ein Punkt, den viele falsch verstehen: Diese Gewohnheiten sollen nicht alles abdecken, was in dem Bereich wichtig ist. Ein paar Burpees ersetzen weder Kraft- noch Ausdauertraining. Ihre Aufgabe ist eine andere. Sie sagen aus, dass Du diesen Bereich ernst nimmst und täglich bereit bist, etwas Nennenswertes dafür zu tun. Irgendwann hast Du vier oder fünf Bereiche und hakst jeden Tag alle ab. Du siehst die Kette und willst sie nicht abreissen lassen. Damit hat sich Deine Identität schon verschoben. Du bist jemand, der freiwillig Dinge tut, die seinen Werten entsprechen, auch wenn sie unbequem sind. Schritt 2: Bereich für Bereich überholenIm zweiten Schritt widmest Du jedem Bereich ein bis zwei Monate und krempelst diesen Teil Deines Lebens um. Bei der Gesundheit wird es dann ernst: Du nimmst Dir vielleicht ein Ziel vor, für das Du trainieren musst, stellst die Ernährung um, besorgst die Ausrüstung, trittst einer Gruppe bei. Es braucht ein bis zwei Monate, weil viel Ausprobieren dazugehört. Manches funktioniert nicht, also änderst Du Ziele oder Gewohnheiten, bis etwas trägt. Danach nimmst Du Dir den nächsten Bereich vor. Der Punkt, den viele übersehenSelbst als disziplinierter Mensch wirst Du scheitern, wenn Deine Vorhaben keinen Sinn ergeben. Wenn Dein Verstand nicht glaubt, dass die Sache es wert ist oder dass Dein Plan zum Ziel führt, quälst Du Dich weiter. Newports zugespitztes Beispiel: Wenn Du beschliesst, ein preisgekrönter Romanautor zu werden, indem Du einen Monat lang drauflosschreibst, sagt Dir Dein Kopf nach drei Tagen, dass dabei kein gutes Buch herauskommt. Und dann hörst Du auf. Das ist ein Versagen der Planung, kein Versagen der Disziplin. Dein Verstand ist nicht dumm. Wähl also sorgfältig aus, was Du Dir vornimmst. Fang nicht mit dem grossen Ziel an. Fang bei den Bereichen an, die Dir wichtig sind, gib jedem eine kleine tägliche Gewohnheit und halte sie fest. Disziplin ist etwas, das Du Dir Tag für Tag beweist, bis Du selbst daran glaubst. Quelle: Cal Newport Alles Liebe, Nicola Catch The Zenith PodcastIch bin Nicola Flückiger und Gastgeber des Schweizer Podcasts Catch The Zenith, mit über 200 erschienenen Episoden. Dich erwarten Gespräche und persönliche Gedanken über Verantwortung, Liebe und Tradition, die Dich Deinem Zenit näherbringen. Jeden Montag erscheint eine neue Folge – unter anderem mit dem ehemals jüngsten Professor der Welt, dem Enkel des Erfinders des Birchermüeslis, dem Gründer eines Milliarden-Unternehmens oder einem Multimillionär-Investor. Dieser Podcast ist mein Versuch, jungen Schweizer Männern zu produktiver Grosszügigkeit zu verhelfen, mich selbst und die Welt besser zu verstehen und die friedliche Koexistenz unterschiedlicher Meinungen zu fördern. Du kannst den Podcast auf YouTube, Apple Podcasts, Spotify oder direkt auf der Website anhören. Episode dieser Woche #274: Seit 2012 werden wir dümmer
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