ZENIT SONNTAGLieber Leser, ich hatte mal ein Coaching-Business. Ich habe Leuten mit ADHS geholfen, produktiver zu werden. Struktur, Systeme, Gewohnheiten. Am Anfang habe ich genau das gemacht, was Du wahrscheinlich erwarten würdest: Ich habe Input gegeben. Viel Input. Ich hatte Wissen und Strategien, und ich wollte so viel wie möglich davon weitergeben. Es hat oft nicht funktioniert. Manche fanden es gut. Aber viele wussten eigentlich schon, was sie tun sollten. Das war nicht ihr Problem. Ihr Problem war, dass ihnen niemand zugehört hat. Und ich habe gemerkt: Die Sessions, die am meisten gebracht haben, waren die, in denen ich weniger geredet habe. In denen ich Fragen gestellt habe, versucht habe zu verstehen, wo die Person wirklich steht, und sie mit den richtigen Fragen in die richtige Richtung gelenkt habe. Die Leute wurden viel empfänglicher, sobald sie sich gehört gefühlt haben. Erst dann war der Raum da, etwas anzunehmen. Alex Hormozi hat mal etwas gesagt, das bei mir hängen geblieben ist. Er war an der Uni, und da wollte jeder zeigen, was er weiss. Alle haben geredet. Hormozi sagt: In dem Moment, wo Du redest, lernst Du nichts. Das klingt simpel, aber denk mal darüber nach. In wie vielen Gesprächen wartest Du nur darauf, dass der andere fertig ist, damit Du sagen kannst, was Du denkst? Disclaimer: Ich bin kein Therapeut und kein Kommunikationswissenschaftler. Was ich hier schreibe, kommt von meinem Research – von Leuten wie Jordan Peterson, Simon Sinek, Stephen Covey, Julian Treasure, Carl Rogers. Und von meiner eigenen Erfahrung im Sales und im Alltag. Warum wir schlecht zuhörenJulian Treasure, ein Sound-Experte und einer der meistgesehenen TED-Speaker zu diesem Thema, sagt: Wir verbringen ungefähr 60 Prozent unserer Kommunikationszeit mit Zuhören. Aber wir behalten nur 25 Prozent von dem, was wir hören. Drei Viertel gehen verloren. Die Welt ist lauter geworden. Wir werden bombardiert mit Informationen, Benachrichtigungen, Content. Unsere Antwort darauf sind Kopfhörer. Wir ziehen uns in unsere eigene Blase zurück. Treasure nennt das: Wir ersetzen Gespräche durch Personal Broadcasting. Jeder sendet, niemand empfängt. Und dann gibt es etwas, das tiefer geht. Terri Cole, eine Psychotherapeutin, spricht über Defensiveness – Abwehrhaltung. Wenn Dir jemand etwas sagt, das Dir nicht passt, gehst Du in den Verteidigungsmodus. Du hörst nicht mehr zu, Du verteidigst Dich. Du suchst nach Fehlern in dem, was der andere sagt, statt zu verstehen, was er meint. Das ist ein Reflex. Und er zerstört Gespräche. John Gottman, ein Beziehungsforscher, hat das über Jahrzehnte untersucht. Er hat vier Verhaltensmuster identifiziert, die Beziehungen zerstören – die Vier Apokalyptischen Reiter: Kritik, Verachtung, Defensiveness und Stonewalling. Defensiveness ist der Reiter, der direkt mit Zuhören zusammenhängt. Gottman kann mit über 90 Prozent Genauigkeit vorhersagen, ob ein Paar sich scheiden lässt. Ein zentraler Faktor: Können die beiden einander zuhören, ohne in den Kampfmodus zu gehen? Cole stellt dazu eine Frage: Willst Du recht haben – oder willst Du verstanden werden? Zwei verschiedene Dinge. Und die meisten von uns wählen unbewusst das erste. Sie macht auch eine wichtige Unterscheidung: Dialog versus Debatte. Wenn Du zuhörst, um zu verstehen, ist es Dialog. Wenn Du zuhörst, um zu gewinnen, ist es Debatte. In einer Debatte wartet der andere nur darauf, dass Du einen Fehler machst. Du sagst “letzten Dienstag” und er sagt “es war Mittwoch” – und plötzlich geht es nicht mehr um das Thema, sondern darum, wer recht hat. Das ist der Moment, in dem das Gespräch stirbt. Wir Männer sind da besonders anfällig. Wir wollen gewinnen. Und im Gespräch fühlt sich das auch so an, als ob wir gewinnen, wenn wir den besseren Punkt machen. Aber in Wahrheit verlieren wir. Weil der andere aufhört, uns zu vertrauen. Was echtes Zuhören istSimon Sinek beschreibt es so: Zuhören heisst nicht, die Worte des anderen zu hören. Es heisst, die Bedeutung hinter den Worten zu verstehen. Und es heisst, eine Umgebung zu schaffen, in der der andere sich gehört fühlt. Sinek erzählt von einer Frau namens Dua Khan. Sie ist Muslimin und hat sich mit Neonazis und weissen Supremacisten zusammengesetzt. Sie hat ihnen zugehört. Nicht geredet, nicht argumentiert, nicht versucht, sie zu überzeugen. Was sie gesagt hat: Erzähl mir mehr. Sprich weiter. Was dann passiert ist: Diese Leute haben angefangen, ihr zu vertrauen. Einige haben ihre Bewegung verlassen. Weil sie sich zum ersten Mal gehört gefühlt haben. Eine Person. Zuhören. Keine Debatte, kein Gegenargument. Das bringt mich zu Stephen Covey. Habit 5: Zuerst verstehen, dann verstanden werden. Ich habe das vor ein paar Jahren zum ersten Mal gelesen, und es hat mich getroffen. Weil ich gemerkt habe, wie oft ich das Gegenteil mache. Ich will verstanden werden, will meinen Punkt rüberbringen. Und verpasse dabei komplett, was der andere mir sagen will. Covey nennt das empathisches Zuhören. Es geht darum, die Welt durch die Augen des anderen zu sehen. Nicht um zuzustimmen, sondern um zu verstehen, warum der andere denkt, was er denkt. Die Technik ist simpel: Wiederhole in Deinen eigenen Worten, was der andere gesagt hat. Nicht papageienmässig, sondern so, dass der andere sagt: Ja, genau das meine ich. Ein Beispiel: Ein Freund sagt Dir, seine Mutter sei unfair, sie habe ihm das Taschengeld gekürzt. Die meisten würden sagen: Ja, das ist blöd. Oder: Vielleicht hat sie einen Grund. Empathisches Zuhören heisst, das Gefühl dahinter zu greifen. Du sagst: Du fühlst Dich ungerecht behandelt, weil Du das Gefühl hast, dass sie Dich bestraft, ohne dass Du weisst warum. Und dann sagt Dein Freund: Ja, genau das ist es. Weil Du das benannt hast, was er selber noch nicht in Worte fassen konnte. Ich mache das jetzt im Sales bewusst. Jemand sagt mir: Wir haben gerade keine Zeit für ein neues Tool. Statt zu sagen: Ja, aber lassen Sie mich erklären – sage ich: Du hast gerade andere Prioritäten und das Timing passt nicht. Und dann passiert etwas. Der andere entspannt sich, weil er merkt: Der hat mich gehört. Und dann ist er viel offener, mir zuzuhören. Zuhören schafft Vertrauen. Vertrauen macht aufnahmefähig. William Ury, der Verhandlungsexperte und Co-Autor von “Getting to Yes”, hat das gleiche Prinzip auf der grössten Bühne erlebt. Er verhandelt seit Jahrzehnten in Friedensprozessen und sagt: Es heisst immer Friedensgespräche. Eigentlich sollte es Friedens-Zuhören heissen. Sein erster Satz in diesen Situationen: Erzähl mir, warum Du hier bist. Nicht: Hier ist mein Vorschlag. Jordan Peterson über ZuhörenPeterson hat eine Perspektive, die mich fasziniert hat. Er kommt von Carl Rogers, dem Begründer der klientenzentrierten Therapie. Rogers’ Kernidee: Höre nicht zu, um zu antworten. Höre zu, um etwas zu lernen. Peterson sagt: Geh in ein Gespräch mit der Haltung, dass Du am Ende klüger sein willst als vorher. Zwei Gehirne sind besser als eines – aber nur, wenn beide auch tatsächlich zuhören. Und dann sagt er etwas, das ich stark finde: Wenn Du richtig zuhörst, wird jeder Mensch faszinierend. Er hat das in seiner klinischen Praxis erlebt. Er hat mit Leuten gearbeitet, die intellektuell stark eingeschränkt waren, die alle möglichen Probleme hatten. Wenn er ihnen richtig zugehört hat, waren sie genauso interessant wie die brillantesten Leute, die er kennt. Weil es nichts gibt, das Menschen Dir nicht erzählen, wenn Du wirklich zuhörst. Wie oft bewerte ich ein Gespräch, bevor es angefangen hat? Wie oft denke ich: Der hat mir nichts zu sagen. Und dann bin ich der, der nichts lernt. Peterson sagt: Echte Beziehungen sind therapeutisch. Beide gehen besser raus als sie reingekommen sind. Wenn das nicht passiert, ist es entweder Machtkampf oder Zeitverschwendung. Was eine Beziehung therapeutisch macht, ist die Bereitschaft, ehrlich zu reden und ehrlich zuzuhören. Peterson erzählt auch eine Geschichte über B.F. Skinner, den Verhaltensforscher. Skinner hat Ratten und Tauben trainiert – er konnte eine Taube dazu bringen, Raketen zu steuern, indem sie auf Fotos gepickt hat. Sein Geheimnis: Er hat beobachtet. Geduldig, genau, aufmerksam. Wenn die Ratte einen Schritt in die richtige Richtung machte, hat er sie belohnt. Nur einen Schritt. Dann den nächsten. Das funktioniert bei Menschen genauso. Peterson hat das bei seinen Studenten an der Universität gesehen. Die meisten Essays waren schlecht. Aber irgendwo auf Seite drei gab es meistens einen Satz, der gut war. Ein echter Gedanke. Wenn er den markiert und gesagt hat: Hier, das war stark – dann war das nächste Essay zur Hälfte so gut. Und das dritte komplett. Im Kern ist das Zuhören. Es ist: Ich achte auf Dich. Ich sehe, was Du gut machst. Und ich sage es Dir. Peterson sagt: Wenn Du das in Deinem Haushalt machst, verändert das alles. Dazu eine Zahl aus der Beziehungsforschung: Positive Interaktionen müssen die negativen im Verhältnis von mindestens fünf zu eins übersteigen, damit eine Beziehung hält. Unter fünf zu eins geht es bergab. Aber über elf zu eins auch – weil das bedeutet, dass eine Person immer nur nickt und sich nie wehrt. Das wirkt unehrlich. Du willst nicht jemanden, der Dir immer recht gibt. Du willst jemanden, der Dir zuhört und ehrlich ist. Aufmerksamkeit ist die Grundlage. Wenn Du jemandem wirklich Aufmerksamkeit schenkst, zeigst Du: Du bist es wert, dass ich meine Zeit und Energie in Dich investiere. Es kostet Dich nichts ausser Deine volle Präsenz. Aber genau das ist es, was die meisten Leute nie bekommen. Praktische TechnikenParaphrasieren. Wenn jemand Dir etwas erzählt, wiederhole es in Deinen eigenen Worten. Das zeigt dem anderen, dass Du zugehört hast. Und es zeigt Dir, ob Du es wirklich verstanden hast. Carl Rogers hat das als eine der wichtigsten Techniken im aktiven Zuhören beschrieben. Emotion Labeling. Wenn jemand Dir etwas erzählt und Du merkst, dass da eine Emotion dahinter steckt, benenne sie. Sag: Das klingt so, als hättest Du eine harte Zeit. Oder: Du wirkst frustriert. Die meisten Leute machen das nie. Und wenn Du es machst, fühlt der andere sich sofort verstanden – weil Du nicht nur die Worte gehört hast, sondern das Gefühl dahinter. Minimal Encouragers. Nicken, Augenkontakt, ein kurzes Mhm oder Aha. Sie signalisieren: Ich bin da, sprich weiter. Achte mal darauf, wie viele Leute das nicht machen. Die schauen aufs Handy, blicken weg, geben Dir nichts zurück. Und dann stirbt das Gespräch. Das RASA-Framework. Von Julian Treasure. RASA steht für Receive, Appreciate, Summarize, Ask. Empfange – sei wirklich aufmerksam. Wertschätze – zeig durch kleine Gesten, dass Du zuhörst. Fasse zusammen – benutze das Wort “also” und fasse das Gehörte zusammen. Und frage – stelle Fragen danach. Einfaches Framework, funktioniert in jedem Gespräch. Yes-And. Aus dem Improvisationstheater, von Scott Pierce in einem TED Talk erklärt. Wenn Dir jemand etwas sagt, sagst Du nicht “Nein, aber…” – sondern “Ja, und…”. Du akzeptierst die Realität des anderen, bevor Du Deinen Punkt machst. Jemand sagt: Ich hatte einen Scheiss-Tag. Du sagst nicht: Ach, so schlimm wird es nicht gewesen sein. Sondern: Ja, das klingt hart. Was ist passiert? Stille aushalten. Wenn Du eine Frage stellst, warte. Die meisten Leute halten Stille nicht aus und fangen an zu reden, um die Lücke zu füllen. Aber die besten Antworten kommen nach einer Pause. Im Cold Calling erlebe ich das ständig. Ich stelle eine Frage, es wird still, mein Instinkt schreit: Sag was! Aber wenn ich das aushalte – drei Sekunden, fünf Sekunden – dann kommt vom Gegenüber oft der ehrlichste Satz des ganzen Gesprächs. Stille ist kein Fehler. Stille ist Raum für den anderen. Warum das für Dich als Mann wichtig istAls junger Mann habe ich lange gedacht, Stärke heisst, Deine Meinung klar sagen. Dominieren, führen, den Raum einnehmen. Das stimmt auch – teilweise. Aber die andere Hälfte von Stärke ist: Zuhören können. Verstehen, bevor Du Dich verständigst. Im Sales sehe ich das jeden Tag. Die besten Verkäufer sind nicht die lautesten. Es sind die, die die besten Fragen stellen und dann zuhören. Mirroring – das Wiederholen der letzten paar Worte des Gegenübers – ist eine der effektivsten Techniken. Nicht weil es ein Trick ist, sondern weil es zeigt: Ich bin bei Dir. In einer Beziehung ist es das Gleiche. Wenn Deine Freundin Dir etwas erzählt und Du sofort mit einer Lösung kommst, hast Du nicht zugehört. Du hast reagiert. Zuhören heisst: Erst verstehen, was sie fühlt. Meistens will sie gar keine Lösung. Sie will gehört werden. Zuhören heisst nicht, keine Meinung zu haben. Es heisst nicht, ein Ja-Sager zu sein. Über elf zu eins an positiven Interaktionen geht es auch bergab, weil das unehrlich wirkt. Zuhören heisst: Ich nehme mir die Zeit, Dich zu verstehen. Und dann sage ich Dir ehrlich, was ich denke. Das ist Respekt. Nicht Schwäche. Zuhören ist kein passiver Akt. Es ist das Aktivste, was Du in einem Gespräch tun kannst. Es verändert, wie der andere mit Dir redet. Und über die Zeit verändert es, wer Du bist. Nimm Dir ein Gespräch heute – eins – und höre wirklich zu. Wiederhole, was der andere gesagt hat. Stell eine Frage. Halte die Stille aus. Julian Treasure schlägt vor: Nimm Dir drei Minuten Stille am Tag. Kein Podcast, keine Musik, kein Handy. Drei Minuten, in denen Du Deine Ohren rekalibrierst. Du musst erst lernen, Stille auszuhalten, bevor Du jemand anderem richtig zuhören kannst. Alles Liebe, Nicola Catch The Zenith PodcastIch bin Nicola Flückiger und Gastgeber des Schweizer Podcasts Catch The Zenith, mit über 200 erschienenen Episoden. Dich erwarten Gespräche und persönliche Gedanken über Verantwortung, Liebe und Tradition, die Dich Deinem Zenit näherbringen. Jeden Montag erscheint eine neue Folge – unter anderem mit dem ehemals jüngsten Professor der Welt, dem Enkel des Erfinders des Birchermüeslis, dem Gründer eines Milliarden-Unternehmens oder einem Multimillionär-Investor. Dieser Podcast ist mein Versuch, jungen Schweizer Männern zu produktiver Grosszügigkeit zu verhelfen, mich selbst und die Welt besser zu verstehen und die friedliche Koexistenz unterschiedlicher Meinungen zu fördern. Du kannst den Podcast auf YouTube, Apple Podcasts, Spotify oder direkt auf der Website anhören. Episode dieser Woche #249: Seit 9 Monaten nehme ich 20 g Creatin. Das sind die Konsequenzen.
Was ich diese Woche gelernt habeKassenbon: Warum du den Bon besser liegen lässt Thermokassenbons können mehr als nur Papier sein – sie sind oft mit der hormonstörenden Chemikalie BPA (Bisphenol A) beschichtet. Diese Substanz kann über die Haut aufgenommen werden, besonders wenn man danach Händedesinfektionsmittel, Lotion oder Creme benutzt. Studien zeigen, dass Menschen, die beruflich viel mit solchen Bons hantieren (z. B. Kassiererinnen), deutlich höhere BPA-Werte im Urin haben. Es gibt zudem Hinweise auf mögliche Auswirkungen wie reduzierte Testosteronspiegel bei Jugendlichen. Wer auf Nummer sicher gehen will, lässt den Bon einfach liegen oder bittet um eine digitale Quittung per E-Mail. Zitat der Woche„Wenn es eine Krisensituation gab, habe ich auf dem Boden geschlafen. Meistens habe ich nicht im Konferenzraum geschlafen, weil die Leute mich dort nicht sehen konnten – ich habe auf dem Boden in der Fabrik geschlafen. Wie hätten die Leute es sonst wissen sollen? Sie hätten es nicht gewusst.
Sehen heisst glauben. Ich habe auf dem Boden ausserhalb des Konferenzraums geschlafen, damit sie sehen konnten, dass ich da war.“
– Elon Musk
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