ZENIT SONNTAGLieber Leser Charlie Munger sass mit neunundneunzig Jahren auf einer Bühne, sechs Stunden lang, und beantwortete Fragen. Scharfsinnig. Schlagfertig. Kein Teleprompter. Ein halbes Jahr später war er tot. Und die Welt verlor einen Mann, der mehr über gutes Leben wusste als die meisten, die darüber Bücher schreiben. Warren Buffetts rechte Hand. Vizepräsident von Berkshire Hathaway. Milliardär. Was mich an diesem Mann fasziniert, geht tiefer. Ich bin zum ersten Mal auf ihn gestossen durch Rolf Dobellis „Die Kunst des guten Lebens.” Dann durch Alex Hormozis Videos. Und je mehr ich las und hörte, desto klarer wurde mir: Dieser Mann hat Prinzipien gelebt, die für jeden gelten. Neun Lektionen. Von Geld über Neid bis zum Umgang mit den härtesten Momenten Deines Lebens. Denke rückwärtsMungers mächtigstes Denkwerkzeug heisst Inversion. Munger hat das Prinzip Einstein zugeschrieben: „Invertiere, immer invertiere.” Und er hat es auf alles angewendet. Als junger Mann war er Wettervorhersager bei der US Air Force. Und als er anfing, echte Vorhersagen für echte Piloten zu machen, war seine erste Frage: Wie kann ich diese Piloten umbringen? Das klingt absurd. Aber genau das war der Punkt. Er wollte die zwei oder drei Wege finden, auf denen er einen Piloten töten konnte – Vereisung und Treibstoffmangel – um sie dann fanatisch zu vermeiden. Er hat dieses Prinzip sein ganzes Leben lang benutzt. Du willst Dein Geschäft aufbauen? Frag Dich zuerst: Wie würde ich es in drei Schritten zerstören? Dann invertiere. Du willst Indien helfen? Frag Dich zuerst: Was würde Indien am meisten schaden? Dann tu das Gegenteil. Munger sagte: Viele Probleme, die in der normalen Richtung unlösbar erscheinen, werden einfach, wenn man sie umdreht. Wie in der Algebra. Wähle das EinfacheMungers häufigste Antwort auf Investitionsangebote war: Zu schwer. Zwei Worte. Die Mehrheit aller Deals lehnte er ab mit „zu schwer.” Von einem der grössten Investoren aller Zeiten. Sein Partner Warren Buffett sagte: Wir wollen Unternehmen, die so gut sind, dass ein Idiot sie führen könnte – und dann stellen wir grossartige Leute ein. Einfachheit im Kleinen wird Komplexität im Grossen. Komplexität im Kleinen wird im Grossen unmöglich. Munger hat sich die Erlaubnis gegeben, schwierige Dinge links liegenzulassen. Und diese Erlaubnis hat ihm mehr Geld und mehr Ruhe gebracht als jede brillante Analyse es je hätte tun können. Gib weniger aus, als Du verdienstDie wichtigste Finanzregel der Welt passt in einen Satz: Gib weniger aus, als Du verdienst. Munger hat das immer wieder betont. Regel Null. Wenn Du diese eine Regel befolgst, wirst Du nie Geld brauchen. Du brauchst nicht einmal Ersparnisse – weil Du nie mehr ausgibst, als reinkommt. Munger erzählte gerne die Geschichte von Mozart. Eines der grössten musikalischen Talente aller Zeiten. Und sein Leben war elend. Warum? Zwei Dinge: Er gab konsequent mehr aus, als er verdiente. Und er war voller Eifersucht und Groll. Munger sagte: Wenn Du diese zwei Fehler machst – zu viel ausgeben und neidisch sein – garantiere ich Dir ein elendes, kurzes Leben. Wenn es Mozart nicht geschafft hat, mit diesem Verhalten durchzukommen, solltest Du es auch lassen. Die Welt wird von Neid angetriebenMunger machte einen Punkt, der unbequem ist. Er sagte: Die Welt wird von Neid angetrieben. Alle sind fünfmal besser dran als früher. Aber sie nehmen es als selbstverständlich hin. Alles, woran sie denken, ist, dass jemand anderes mehr hat. Und dass es unfair sei, dass dieser jemand es hat und sie selbst es nicht haben. Deshalb, sagte Munger, kam Gott auf den Berg herunter und hat Moses gesagt: Du sollst nicht begehren Deines Nächsten Frau. Noch seinen Esel. Du kannst objektiv ein gutes Leben haben und trotzdem miserabel sein, wenn Du ständig nach oben schaust und Dich vergleichst. Neid macht blind für das, was Du bereits hast. Verdiene, was Du willstMunger sagte: Der sicherste Weg, das zu bekommen, was Du willst, ist, es zu verdienen. Die goldene Regel. Liefere der Welt, was Du selbst kaufen würdest, wenn Du auf der anderen Seite stündest. Die Menschen, die das leben, gewinnen. Und sie gewinnen mehr als Geld. Sie gewinnen den verdienten Respekt und das verdiente Vertrauen der Menschen um sie herum. Und es gibt, sagte Munger, kaum ein grösseres Vergnügen im Leben als verdientes Vertrauen. Meide extreme IdeologieMunger warnte eindringlich vor Ideologie. Er sagte: Extreme Ideologie verwandelt Deinen Verstand in Kohl. Du siehst das bei TV-Predigern. Du siehst es in der Politik. Und wenn Du jung bist, ist es besonders leicht, in Loyalitäten hineinzudriften. Du fängst an, die orthodoxe Meinung laut hinauszuschreien – und genau damit hämmerst Du sie Dir immer tiefer ein und ruinierst Deinen Verstand. Er hatte dafür eine Gegenmassnahme, die er sein „eisernes Prinzip” nannte: Ich bin erst dann berechtigt, eine Meinung zu einem Thema zu haben, wenn ich die Gegenargumente besser formulieren kann als die Leute, die sie vertreten. Das klingt nach viel verlangt. Munger sagte: Für die meisten Menschen ist es das auch. Aber für mich funktioniert es. Kämpfe Dich durchMunger wurde gefragt, wie er die härtesten Momente seines Lebens überstanden hat. Sein Sohn Teddy starb an Leukämie. Damals lag die Sterblichkeitsrate bei hundert Prozent. Er konnte nichts tun. Nichts ändern. Nichts heilen. Mungers Antwort war eine einzige Philosophie: Soldiering through. Sich durchkämpfen. Es gibt keinen anderen Weg. Du kannst die Toten nicht zurückbringen. Du kannst das sterbende Kind nicht retten. Du musst Dich durchkämpfen. Und wenn Du dafür ein paar Stunden am Tag weinend durch die Strassen laufen musst, dann tu es. Weine, so viel Du willst. Aber hör nicht auf. Gib nicht auf. Er hat es selbst getan. Er hat geweint, als sein Sohn starb. Aber er hat weitergemacht. Und er beobachtete mit Freude, wie die Heilungsrate für Leukämie im Laufe der Jahrzehnte auf über neunzig Prozent stieg. Die Zivilisation hat sich durchgekämpft. Genau wie er. Lerne jeden TagMunger sagte: Wissen zu erwerben ist eine moralische Pflicht. Kein Hobby. Kein Zeitvertreib. Eine Pflicht. Die Menschen, die im Leben vorankommen, sind selten die Klügsten und selten die Fleissigsten. Aber sie lernen jeden Tag dazu. Sie gehen jeden Abend ein wenig klüger ins Bett, als sie aufgestanden sind. Und wenn Du eine lange Strecke vor Dir hast – und die hast Du – dann hilft Dir diese Gewohnheit mehr als alles andere. Munger hat mit neunundneunzig Jahren immer noch jeden Tag gelesen. Bücher, die ihm wildfremde Menschen schickten. Und er war erstaunt, wie gut sie ihn einschätzten. Er las bis zum letzten Tag. Das war kein Zufall. Das war ein System. Werde toxische Menschen losMunger wurde gefragt: Wie bekommt man die richtigen Freunde? Seine Antwort: Werde zuerst selbst der richtige Mensch. Und dann erkenne, was Du hast, wenn Du die richtigen Menschen findest. Halte sie fest. Und die toxischen Menschen – die, die Dich belügen, die unzuverlässig sind, die ihre Versprechen brechen – die grosse Lektion des Lebens ist: Wirf sie raus. Schnell. Munger sagte wörtlich: Get them the hell out of your life. And do it fast. Was bleibtCharlie Munger starb am 28. November 2023, sechs Wochen vor seinem hundertsten Geburtstag. Er hinterlässt klare Prinzipien, die jeder anwenden kann. Denke rückwärts. Wähle das Einfache. Gib weniger aus, als Du verdienst. Hüte Dich vor Neid. Verdiene, was Du willst. Meide Ideologie. Kämpfe Dich durch. Lerne jeden Tag. Und werde die falschen Menschen los. Munger sagte einmal: Ich wollte nie Geld verdienen. Ich wollte nur unabhängig sein. Ich habe einfach über das Ziel hinausgeschossen. Quelle: Diverse Reden, Interviews und Shareholder Meetings von Charlie Munger, zusammengetragen aus öffentlich zugänglichen Aufzeichnungen. Alles Liebe, Nicola Catch The Zenith PodcastIch bin Nicola Flückiger und Gastgeber des Schweizer Podcasts Catch The Zenith, mit über 200 erschienenen Episoden. Dich erwarten Gespräche und persönliche Gedanken über Verantwortung, Liebe und Tradition, die Dich Deinem Zenit näherbringen. Jeden Montag erscheint eine neue Folge – unter anderem mit dem ehemals jüngsten Professor der Welt, dem Enkel des Erfinders des Birchermüeslis, dem Gründer eines Milliarden-Unternehmens oder einem Multimillionär-Investor. Dieser Podcast ist mein Versuch, jungen Schweizer Männern zu produktiver Grosszügigkeit zu verhelfen, mich selbst und die Welt besser zu verstehen und die friedliche Koexistenz unterschiedlicher Meinungen zu fördern. Du kannst den Podcast auf YouTube, Apple Podcasts, Spotify oder direkt auf der Website anhören. Episode dieser Woche #256: Das Gesetz, das die Politik Dir verschweigt
Was ich diese Woche gelernt habeWie Geschichtsbücher geschrieben werden “Wir müssen uns noch einmal daran erinnern, dass Geschichte, wie sie üblicherweise geschrieben wird (peccavimus)[9], ganz anders ist als Geschichte, wie sie üblicherweise gelebt wird: Der Historiker dokumentiert das Außergewöhnliche, weil es interessant ist, weil es außergewöhnlich ist. Wenn alle Personen ihren zahlenmäßig angemessenen Platz auf den Seiten der Historiker gefunden hätten, dann hätten wir einen langweiligeren, aber angemesseneren Blick auf die Vergangenheit und auf die Menschheit.” — Durant, Will. Die Lehren der Geschichte. Zitat der Woche“Himmel und Utopie sind wie zwei Eimer in einem Brunnen: Sinkt das eine, steigt das andere auf; schwindet die Religion, wächst der Kommunismus.” — Durant, Will. Die Lehren der Geschichte
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