ZENIT SONNTAGLieber Leser Will und Ariel Durant haben über fünfzig Jahre lang die Geschichte der Zivilisation studiert. Elf Bände. Tausende Seiten. Und dann haben sie alles auf hundertfünfzig Seiten eingedampft: „Die Lehren der Geschichte.” Das Kapitel, das mich am meisten beschäftigt hat, heisst „Biologie und Geschichte.” Drei Lektionen. Leben ist WettbewerbDurant beginnt mit einer Szene. Du wanderst an einem Sommertag allein durch den Wald. Hundert Arten von Organismen bewegen sich um Dich herum – fliegend, springend, kriechend, krabbelnd, wühlend. Die Tiere huschen davon, die Vögel stieben auseinander, die Fische zerstreuen sich im Bach. Und plötzlich wird Dir bewusst: Du gehörst zu einer gefährlichen Minderheit auf diesem Planeten. Du bist ein vorüberziehender Eindringling in deren Lebensraum. Durant schreibt sinngemäss: Unser gesamter wirtschaftlicher Wettbewerb, unser Kampf um Partner, unser Hunger und unsere Liebe und unsere Trauer und unser Krieg ähneln dem Suchen, der Verpaarung, dem Streben und dem Leiden, die sich unter den umgestürzten Bäumen, in den Gewässern und auf den Ästen verstecken. Die Gesetze der Biologie sind die Grundlehren der Geschichte. Das ist Durants Ausgangspunkt. Wir sind den Prozessen der Evolution unterworfen. Dem Existenzkampf. Dem Gesetz des Überlebens des Stärkeren. Wenn es scheint, als könnten manche von uns diesen Kämpfen entgehen, dann liegt das daran, dass unsere Gruppe uns schützt. Aber die Gruppe selbst muss sich den Prüfungen des Überlebens stellen. Die erste biologische Lektion: Leben ist Wettbewerb. Er verläuft friedlich, wenn Nahrung im Überfluss vorhanden ist. Und gewalttätig, wenn es mehr Münder zu stopfen gibt, als Nahrung existiert. Durant sagt: Tiere fressen einander ohne Skrupel; zivilisierte Menschen zerfleischen sich gegenseitig in einem ordentlichen Gerichtsverfahren. Zusammenarbeit existiert. Sie nimmt mit der sozialen Entwicklung zu. Aber sie ist hauptsächlich ein Werkzeug des Wettbewerbs. Wir arbeiten innerhalb unserer Gruppe zusammen – Familie, Gemeinschaft, Partei, Nation – um unsere Gruppe im Wettbewerb mit anderen Gruppen zu stärken. Konkurrierende Gruppen haben dieselben Eigenschaften wie konkurrierende Individuen: Besitzgier, Kampfeslust, Parteinahme, Stolz. Durant schreibt: Unsere Staaten – die wir selbst in multiplizierter Form sind – sind genau wie wir. Sie zeigen unsere Natur wie durch ein Vergrösserungsglas und handeln wie wir, im Guten wie im Schlechten, nur eben in gigantischem Ausmasse. Wir sind gewinnsüchtig, gierig und kampflustig, weil unser Blut sich an die Jahrtausende erinnert, in denen unsere Vorfahren jagen, kämpfen und töten mussten, um zu überleben. Und in denen sie bis an die Grenze ihrer Magenkapazität essen mussten, aus Angst, dass sie so bald nicht wieder ein solches Festmahl bekommen würden. Durant fasst es in einem Satz zusammen: Krieg ist die Art und Weise, wie Nationen essen. Leben ist AusleseDie zweite Lektion ist die, die mich am stärksten getroffen hat. Im Wettstreit um Nahrung, Partner oder Macht sind einige Organismen erfolgreich und andere erfolglos. Einige Individuen sind besser gerüstet als andere, um die zahlreichen Prüfungen zu überstehen. Das ist Auslese. Und Durant zieht daraus eine Konsequenz, die unbequem ist. Er schreibt: Da die Natur die amerikanische Unabhängigkeitserklärung oder die französische Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte nicht sehr sorgfältig gelesen hat, werden wir alle unfrei und ungleich geboren. Wir sind unserem physischen und psychischen Erbgut unterworfen, den Sitten und Gebräuchen unserer Gruppe. Wir besitzen ein unterschiedliches Mass an Gesundheit und Stärke, geistiger Kapazität und charakterlichen Eigenschaften. Die Natur liebt die Verschiedenartigkeit – als Voraussetzung für Selektion und Evolution. Eineiige Zwillinge unterscheiden sich auf hundertfache Weise. Keine zwei Erbsen sind gleich. Ungleichheit ist angeboren. Und sie wächst mit der Komplexität der Zivilisation. Erblich bedingte Ungleichheiten führen zu sozialen Ungleichheiten. Jede Erfindung oder Entdeckung geht auf ein aussergewöhnliches Individuum zurück und macht den Starken stärker, den Schwachen relativ schwächer. Die wirtschaftliche Entwicklung führt zu Spezialisierung, zu unterschiedlichen Fähigkeiten, und sorgt dafür, dass einzelne Personen für ihre Gruppe unterschiedlich wertvoll sind. Durant schreibt: Wenn wir unsere Mitmenschen ganz genau kennen würden, könnten wir dreissig Prozent von ihnen auswählen, deren kombinierte Fähigkeiten denen aller anderen entsprechen würden. Das Leben und die Geschichte tun genau das, mit einer überwältigenden Ungerechtigkeit, die an Calvins Gott erinnert. Und dann kommt der Satz, der bei mir hängengeblieben ist. Durant schreibt: Die Natur lächelt über die einträchtige Koexistenz von Freiheit und Gleichheit in unseren Utopien. Denn Freiheit und Gleichheit sind eingeschworene und ewige Feinde. Siegt der eine, stirbt der andere. Lässt man Menschen frei, vervielfachen sich deren natürliche Ungleichheiten – wie in England und Amerika im 19. Jahrhundert unter dem Laissez-faire-Prinzip. Um eine Zunahme der Ungleichheit einzudämmen, muss die Freiheit geopfert werden – wie in Russland nach 1917. Doch selbst wenn sie eingedämmt wird, wächst die Ungleichheit. Durant schreibt: Nur derjenige, der in seinen wirtschaftlichen Fähigkeiten unter dem Durchschnitt liegt, wünscht sich Gleichheit. Wer sich seiner Überlegenheit bewusst ist, wünscht sich Freiheit. Und letztendlich bekommen die mit überlegenen Fähigkeiten ihren Willen. Utopien der Gleichheit sind aus biologischen Gründen dem Untergang geweiht. Das Beste, worauf ein freundlich gesonnener Philosoph hoffen kann, ist eine annähernde Gleichheit aller Menschen vor dem Gesetz und bei den Bildungschancen. Und Durant fügt hinzu: Eine Gesellschaft, in der alle potenziellen Fähigkeiten sich entwickeln und ausgeübt werden können, hat im Wettbewerb der Gruppen einen Überlebensvorteil. Das ist der Punkt, der in der politischen Debatte fast immer fehlt. Die Frage ist: Schaffen wir Bedingungen, unter denen jeder seine Fähigkeiten voll entfalten kann? Gleiche Startbedingungen – das ist das Maximum. Gleiche Ergebnisse sind biologisch unmöglich. Leben muss sich fortpflanzenDie Natur hat keine Verwendung für Organismen, die sich nicht reichlich fortpflanzen können. Durant schreibt: Sie hegt eine Leidenschaft für Quantität als Voraussetzung für die Auslese von Qualität. Sie mag grosse Würfe und geniesst den Kampf, durch den wenige Überlebende ausgewählt werden. Die Natur interessiert sich mehr für die Spezies als für das Individuum. Und sie unterscheidet kaum zwischen Zivilisation und Barbarei. Eine hohe Geburtenrate ging historisch mit niederer kultureller Zivilisation einher. Eine niedrige Geburtenrate mit höherer Kultur. Aber die Natur sorgt dafür, dass eine Nation mit niedriger Geburtenrate periodisch von einer virileren und fruchtbareren Gruppe gezüchtigt wird. Durant gibt Beispiele. Zu Caesars Zeiten überlebte Gallien gegen die Germanen durch die Hilfe römischer Legionen. Als Rom fiel, stürmten die Franken von Deutschland herbei und machten Gallien zu Frankreich. Julius Caesar bot Römern mit vielen Kindern Belohnungen an und verbot kinderlosen Frauen, Sänften und Schmuck zu tragen. Augustus erneuerte diese Kampagne vierzig Jahre später – mit ähnlich geringem Erfolg. Die Geburtenkontrolle breitete sich in den Oberschichten weiter aus, während Einwanderer aus dem Norden und dem Osten nach Italien kamen und die Bevölkerung veränderten. Thomas Malthus hat 1798 argumentiert: Wenn die Geburtenrate die Sterberate übersteigt und nichts sie bremst, wird die Vermehrung der hungrigen Mäuler jede Steigerung der Nahrungsmittelproduktion zunichtemachen. Malthus nannte drei natürliche Korrektive: Hungersnot, Pest und Krieg. Die technischen Fortschritte im 19. Jahrhundert schienen ihn zu widerlegen – die Nahrungsversorgung hielt mit den Geburten Schritt. Aber Malthus würde antworten: Diese Lösung schiebt das Unglück nur hinaus. Der Boden ist begrenzt fruchtbar. Jeder Fortschritt wird früher oder später durch einen zu hohen Geburtenüberschuss zunichtegemacht. Durant schliesst optimistisch: Die zunehmende Verstädterung und Fortschritte in Industrie und Bildung werden wahrscheinlich auch in den fruchtbarsten Regionen die Geburtenrate senken – wie es in Europa und Nordamerika geschehen ist. Bis dieses Gleichgewicht erreicht ist, ist es ein Gebot der Menschlichkeit, Wissen und Mittel zur Empfängnisverhütung zu verbreiten. Idealerweise sollte Elternschaft ein von der Gesundheit abhängiges Privileg sein – und kein Nebenprodukt sexueller Erregung. Und dann macht Durant einen Punkt, der überraschend ist: Geburtenrate bestimmt das Schicksal von Theologien. So wie die Niederlage der Muslime bei Tours 732 verhinderte, dass Frankreich und Spanien die Bibel durch den Koran ersetzten, so können die bessere Organisation, grössere Disziplin und höhere Reproduktionsrate der Katholiken die protestantische Reformation und die französische Aufklärung zunichtemachen. Durant schliesst das Kapitel mit einem Satz: Geschichte ist der beste Humorist, den es gibt. Was bleibtDrei biologische Lektionen. Geschrieben von zwei Historikern, die fünfzig Jahre lang fünftausend Jahre Zivilisation studiert haben. Leben ist Wettbewerb. Friedlich bei Überfluss, gewalttätig bei Knappheit. Zusammenarbeit ist ein Werkzeug des Wettbewerbs – wir kooperieren innerhalb unserer Gruppe, um gegen andere Gruppen zu bestehen. Leben ist Auslese. Freiheit und Gleichheit sind ewige Feinde. Mehr Freiheit erzeugt mehr Ungleichheit. Mehr Gleichheit erfordert weniger Freiheit. Das Beste, worauf wir hoffen können, sind gleiche Startbedingungen – vor dem Gesetz und bei den Bildungschancen. Gleiche Ergebnisse wird es nie geben. Leben muss sich fortpflanzen. Nationen, die aufhören, Kinder zu bekommen, werden von fruchtbareren Gruppen abgelöst. Geburtenrate entscheidet über das Schicksal von Kulturen, Religionen und ganzen Zivilisationen. Durant und Durant haben das 1968 geschrieben. Achtundfünfzig Jahre her. Und jeder einzelne Satz liest sich, als wäre er für heute geschrieben. Quelle: Will und Ariel Durant, „Die Lehren der Geschichte”, Kapitel III: Biologie und Geschichte. Alles Liebe, Nicola Catch The Zenith PodcastIch bin Nicola Flückiger und Gastgeber des Schweizer Podcasts Catch The Zenith, mit über 200 erschienenen Episoden. Dich erwarten Gespräche und persönliche Gedanken über Verantwortung, Liebe und Tradition, die Dich Deinem Zenit näherbringen. Jeden Montag erscheint eine neue Folge – unter anderem mit dem ehemals jüngsten Professor der Welt, dem Enkel des Erfinders des Birchermüeslis, dem Gründer eines Milliarden-Unternehmens oder einem Multimillionär-Investor. Dieser Podcast ist mein Versuch, jungen Schweizer Männern zu produktiver Grosszügigkeit zu verhelfen, mich selbst und die Welt besser zu verstehen und die friedliche Koexistenz unterschiedlicher Meinungen zu fördern. Du kannst den Podcast auf YouTube, Apple Podcasts, Spotify oder direkt auf der Website anhören. Episode dieser Woche #255: 8 unbequeme Lektionen, die Dich durch schwere Zeiten tragen
Was ich diese Woche gelernt habe4 Lektionen von Charlie Munger Von David Senra, nach einem Abendessen mit Charlie Munger wenige Monate vor dessen Tod.
So verhinderst Du den Grossteil der Probleme, die in Deiner Kontrolle liegen. Zitat der Woche„Zuerst ignorieren sie dich, dann lachen sie über dich, dann kämpfen sie gegen dich, dann gewinnst du.”
– Tommy Robinson
Videoempfehlungen: |