ZENIT SONNTAG

Lieber Leser,

1789, Französische Revolution.

Nach dem Sturz des Ancien Regime musste Frankreich eine neue politische Ordnung schaffen. Dafür trat die Nationalversammlung zusammen. In der Mitte sass der Präsident. Und die Abgeordneten setzten sich nicht zufällig hin, sondern je nach politischer Haltung links oder rechts.

Rechts vom Präsidenten sassen jene, die den König behalten wollten oder zumindest eine starke Monarchie. Sie verteidigten Traditionen, Kirche, bestehende Ordnung. Sie lehnten schnelle, radikale Veränderungen ab. Ihr Kern war das Bewahren. Das ist das Entscheidende. Rechts stand für Ordnung, Tradition, Hierarchie, Stabilität.

Links vom Präsidenten sassen jene, die den König stark einschränken oder abschaffen wollten. Sie forderten mehr Gleichheit, Bürgerrechte, Reformen. Sie waren bereit, die bestehende Ordnung zu verändern. Veränderung ist inhärent zum Linkssein. So entstand dieses langfristige Denkmuster: rechts gleich Bewahren, links gleich Verändern.

Heute verwenden wir diese Begriffe ständig. Links, rechts. Aber die wenigsten wissen, woher sie eigentlich kommen.

Und interessant wird es, wenn man das Ganze von der Politik löst. Denn dieses Spannungsfeld ist fundamental menschlich. Es ist Teil unserer Natur.

Wir brauchen unsere rechte Seite, um Dinge zu bewahren. Um Gewohnheiten zu bilden. Um zu lernen und dann zu wiederholen. Wenn Du einmal eine heisse Herdplatte anfasst, lernst Du sehr schnell, das nicht mehr zu tun. Dieses Lernen führt dazu, dass Du eine Handlung bewahrst. Nämlich die Herdplatte nicht mehr anzufassen, wenn sie heiss ist. Das vereinfacht Dein Leben.

Oder ein anderes Beispiel. Wenn Du in einer dunklen Gasse schon zehnmal von einer pink gekleideten Person ausgeraubt wurdest, dann ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass Du beim elften Mal umdrehst und davonläufst. Das ist eher kein politisches Statement. Das ist Lernen und Bewahren. Das ist Deine konservative Seite.

Gleichzeitig brauchen wir unsere linke, progressive Seite genauso. Stell Dir vor, Du hast Dir eine Gewohnheit aufgebaut, zum Beispiel regelmässig Sport zu machen. Das willst Du bewahren, weil es Deiner Gesundheit dient. Jetzt kommen aber neue Erkenntnisse. Vielleicht stellst Du fest, dass gewisse Trainingsmethoden, zum Beispiel bestimmte Crossfit-Bewegungen, langfristig schlecht für Deine Gelenke sind. Dann macht es Sinn, Deine progressive Seite zu aktivieren. Du passt Deine Bewegungsausführung an. Du veränderst etwas, damit es im heutigen Kontext besser funktioniert.

Dieses Prinzip lässt sich weiter herauszoomen. Im Kern ist es das Spannungsfeld zwischen Exploitation und Exploration.

Wenn Du ein Restaurant auswählst, kannst Du entweder in eines gehen, das Du schon kennst. Du weisst, das Essen ist gut, der Service passt, Du weisst, was Dich erwartet. Das ist Bewahren. Oder Du gehst in ein neues Restaurant. Das ist Exploration. Das kann schiefgehen. Das Essen kann schlecht sein, die Erfahrung enttäuschend. Es kann aber auch dazu führen, dass Du einen neuen grossartigen Ort findest, den Du danach immer wieder besuchen willst.

Beides ist notwendig.

Zusammengefasst heisst das: Wir Menschen brauchen unabhängig von Politik unsere rechte und unsere linke Seite. Die rechte, um Dinge zu lernen, zu bewahren und damit das Leben zu vereinfachen. Denn wenn wir jedes Mal alles neu lernen müssten, wäre das Leben viel zu komplex. Und wir brauchen die linke Seite, um Dinge zu erneuern, anzupassen und zu verbessern, wenn sie im heutigen Kontext nicht mehr sinnvoll funktionieren.

Das gilt nicht nur für Individuen, sondern genauso für Unternehmen. Dort sieht man oft eine ähnliche Logik. Rund 70 Prozent Fokus auf das Kerngeschäft. 20 Prozent auf angrenzende Bereiche. Und etwa 10 Prozent auf komplett neue Dinge. Bewahren, was funktioniert. Neues ausprobieren, aber in einem sinnvollen Verhältnis.

Ein produktives Leben entsteht nicht durch nur links oder nur rechts.

Sondern durch beides.

Die Rechte, um zu bewahren, was funktioniert.

Die Linke, um zu erneuern, was verbessert werden muss.

Alles Liebe,

Nicola

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Catch The Zenith Podcast

Ich bin Nicola Flückiger und Gastgeber des Schweizer Podcasts Catch The Zenith, mit über 200 erschienenen Episoden.

Dich erwarten Gespräche und persönliche Gedanken über Verantwortung, Liebe und Tradition, die Dich Deinem Zenit näherbringen.

Jeden Montag erscheint eine neue Folge – unter anderem mit dem ehemals jüngsten Professor der Welt, dem Enkel des Erfinders des Birchermüeslis, dem Gründer eines Milliarden-Unternehmens oder einem Multimillionär-Investor.

Dieser Podcast ist mein Versuch, jungen Schweizer Männern zu produktiver Grosszügigkeit zu verhelfen, mich selbst und die Welt besser zu verstehen und die friedliche Koexistenz unterschiedlicher Meinungen zu fördern.

Du kannst den Podcast auf YouTube, Apple Podcasts, Spotify oder direkt auf der Website anhören.

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Episode dieser Woche

#233: Warum Du wahrscheinlich ein NPC bist – 5 Denktypen in der Schweiz. Höre sie hier.

Was ich diese Woche gelernt habe

Angst vs. Excitement

Diese Woche bin ich über einen Gedanken von Alex Hormozi gestolpert, der simpel klingt, aber viel verändert hat, als ich ihn das erste Mal gehört habe.

Er sagt:

Champions unterscheiden sich nicht dadurch, dass sie weniger Angst haben.

Sondern dadurch, dass sie Angst anders interpretieren.

Wo andere sagen: Ich bin nervös, sagen Champions: Ich bin gehyped.

Dasselbe Gefühl im Körper. Andere Bedeutung im Kopf.

Angst und Excitement fühlen sich physiologisch extrem ähnlich an.

Schneller Herzschlag. Spannung. Fokus. Energie.

Der Unterschied ist nicht das Gefühl, sondern das Framing.

Wie Du das, was in Dir passiert, einordnest.

Ein kleiner Tweak in der Wahrnehmung kann entscheiden, ob Du unter Druck untergehst oder daran wächst.

Mit anderen Worten:

Wie Du etwas framest, bestimmt, wie Du Dich fühlst.

Und wie Du Dich fühlst, bestimmt, wie Du handelst.

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Zitat der Woche

“Große Koalitionen schlagen üblicherweise kleinere Änderungen vor (da kleine Veränderungen die kleinste gemeinsame Basis für eine große Koalition bilden), während kleinere Koalitionen radikale ideologische Alternativen vorschlagen können.” – Lionel Page

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Videoempfehlungen:

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