ZENIT SONNTAG

Lieber Leser

Vor einiger Zeit stand in der Financial Times eine Schlagzeile, die nach Panikmache klingt: Hat die Menschheit ihren Höhepunkt an Denkfähigkeit überschritten? Die Daten dahinter sind unangenehm eindeutig. Cal Newport hat sich das genauer angeschaut.

Was die Daten zeigen

Grundlage ist eine Analyse, über die der Journalist John Burn-Murdoch geschrieben hat. Sie stützt sich unter anderem auf den PISA-Test und weitere internationale Tests, auch bei Erwachsenen. Die Schlussfolgerung lautet sinngemäss: Über eine Reihe von Tests hinweg scheint die Fähigkeit des durchschnittlichen Menschen, zu denken und neuartige Probleme zu lösen, Anfang der 2010er Jahre ihren Höhepunkt erreicht zu haben und seither zu sinken.

Die Kurven knicken ungefähr ab 2012 nach unten. Dieses Datum sollte Dir bekannt vorkommen, denn um 2012 herum wurden Smartphones weltweit allgegenwärtig.

Der Mechanismus

Zwei weitere Kurven geben den Hinweis. Die eine zeigt, wie viele Menschen angeben, Schwierigkeiten beim Denken oder Konzentrieren zu haben, die andere, wie viele Mühe haben, Neues zu lernen. Beide verlaufen lange ruhig und schiessen ab etwa 2012 nach oben.

Das eigentliche Problem ist die Aufmerksamkeitswirtschaft, die um das Gerät herum entstanden ist. Vor dem Smartphone versuchten Plattformen, möglichst nützlich zu sein. Danach ging es darum, möglichst viel Aufmerksamkeit zu binden. Die Apps bieten schnellere Reize als fast alles andere in Deinem Leben, also lernt Dein Belohnungssystem: Wenn ein Handy in der Nähe ist, richten wir uns darauf aus. Und weil es immer dabei ist, feuert dieses System ununterbrochen.

Newports Bild dazu: Wenn im Büro täglich um vier Uhr Donuts stehen, baut sich eine Erwartung auf. Wenn Dir jemand den ganzen Tag mit einem Wagen voller Donuts hinterherläuft, hast Du ein Problem.

Warum es eine Spirale ist

Es passieren zwei Dinge gleichzeitig. Erstens fällt es Dir schwerer, die Intelligenz einzusetzen, die Du hast, weil Dein Kopf ständig abgelenkt wird. Zweitens verbringst Du weniger Zeit mit den Tätigkeiten, die Dich klüger machen würden. Auch dazu gibt es eine Kurve: Der Anteil der Jugendlichen, die fast täglich lesen, sinkt ab etwa 2012 stark, der Anteil derer, die kaum je lesen, steigt.

Lesen macht Dich klüger. Du verstehst andere besser, hältst Deine Aufmerksamkeit länger auf abstrakten Dingen und lernst, Informationen im Kopf zu bewegen. Genau solche Tätigkeiten fallen weg, weil sie ausdauernde Aufmerksamkeit brauchen.

Die Analogie

Vor sechzig, siebzig Jahren verschob sich die Wirtschaft hin zur Büroarbeit, und plötzlich traten gesundheitliche Probleme in ungekanntem Ausmass auf. Wer auf dem Hof arbeitete, bewegte sich den ganzen Tag. Wer im Büro sitzt, tut das nicht.

Die Antwort war nicht, zurück auf die Felder zu gehen. Die Antwort war die Erkenntnis, dass Bewegung fehlt und ab jetzt bewusst eingebaut werden muss. Um 1920 musste niemand ans Trainieren denken. Ab den siebziger Jahren schon.

Genau so ist es jetzt mit dem Kopf. Du musst nicht in die Zeit vor den Smartphones zurück. Du musst nur begreifen, dass Du Dich ab jetzt bewusst um Deine Denkfähigkeit kümmern musst.

Vier Dinge, die Du tun kannst

  1. Zwing Dich zum Lesen. Lesen ist Klimmzüge und Liegestützen für Dein Gehirn. Fang mit Büchern an, die Du liebst. Am besten ausserhalb der Reichweite Deines Handys, noch besser in einem anderen Raum.
  2. Lass Dein Handy nicht ständig Dein Begleiter sein. Zu Hause steckst Du es in der Küche ein und gehst dorthin, wenn Du etwas brauchst. So brichst Du das Muster, dass jederzeit ein schnellerer Reiz verfügbar ist.
  3. Hör auf, Reize zu stapeln. Also nicht mehrere Ströme gleichzeitig konsumieren, etwa etwas schauen und dabei am Handy hängen. Dein Kopf soll wieder lernen, eine Sache über längere Zeit zu tun.
  4. Geh auf Nachdenk-Spaziergänge. Nimm ein Problem mit, das Du lösen willst. Dein Kopf wird überall hinspringen, und Du holst ihn zurück. Gewöhn Dich daran, mit Deinen Gedanken allein zu sein.

Dazu passt ein fünfter Punkt: Hab Hobbys, die Konzentration verlangen, etwa Gitarre, Holzarbeit oder eine Sportart, in der Du besser werden willst.

Der Trend ist beunruhigend, auf der persönlichen Ebene lässt er sich umkehren. Wer in den sechziger Jahren ins Büro wechselte, musste anfangen, Sport zu treiben. Heute musst Du anfangen, Deinen Kopf bewusst zu trainieren.

Quelle: Cal Newport, mit Bezug auf eine Analyse von John Burn-Murdoch in der Financial Times

Alles Liebe,

Nicola

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