ZENIT SONNTAG

Lieber Leser

Stell Dir vor, es sind die Neunzigerjahre. Ein Junge schiebt einen Medienwagen durch den Flur, einen dieser Rollwagen, wie ihn früher die Lehrer ins Schulzimmer geschoben haben, wenn ein Film lief. Darauf steht ein Fernseher, angeschlossen an eine Spielkonsole. Auf der einen Seite hängt ein Beutel mit Zigaretten, auf der anderen ein Beutel voller Schmuddelhefte. Daneben plärrt ein Radio, auf dem eine politische Talksendung läuft. Und oben auf dem Fernseher steht ein Telefon.

Seine Mutter hält ihn auf, und zwar zu Recht: “Was um Himmels willen machst Du mit all dem Zeug?”

Der Junge antwortet ganz ruhig: “Mama, da ist doch ein Telefon drauf. Willst Du etwa nicht, dass ich mit meinen Freunden reden kann?”

Dieses Gedankenexperiment stammt von Cal Newport, Informatikprofessor an der Georgetown University. Damals hätten Eltern diesen Wagen niemals ins Kinderzimmer rollen lassen. Heute tun wir genau das, nur passt der Wagen inzwischen in eine Hosentasche.

Das Telefon ist die Eintrittskarte

In den Neunzigern kam jede Technik als eigenes Gerät ins Haus. Eltern konnten deshalb über jedes einzeln entscheiden. Telefonieren ja, aber nicht nach dem Abendessen. Die Konsole am Wochenende. Zigaretten und Hefte gar nicht.

Das Smartphone packt den ganzen Wagen in ein einziges Gerät. Und es kommt mit dem harmlosesten aller Argumente ins Haus: Das Kind muss doch erreichbar sein. Wer Ja zum Telefon sagt, bekommt den Rest gratis dazu.

Die Eltern der Neunziger bekamen ihre Ordnung geschenkt, weil jedes Gerät seinen festen Platz hatte. Heute müssen wir sie selbst bauen.

Die Schweiz ist mittendrin

Laut swissinfo hat in der Schweiz jedes fünfte Kind beim Schuleintritt bereits ein eigenes Handy. Am Ende der Primarschule sind es 80 Prozent, in der Oberstufe 99 Prozent.

Mehrere Kantone reagieren. Nidwalden und der Aargau haben Handys an ihren Schulen verboten, und Basel-Stadt hat im Juni nachgezogen: An allen Volksschulen dürfen private Geräte auf dem Schulareal weder zu sehen noch zu hören sein.

Jede dieser Regeln endet allerdings dort, wo die Schule endet. Nach Schulschluss rollt der Wagen mit nach Hause, durch den Flur und ins Kinderzimmer. Ab dort entscheiden Vater und Mutter.

Ein Gerät, ein Zweck

Newport hat für seine eigenen Kinder eine klare Regel: kein Smartphone vor der Highschool, also etwa bis vierzehn. Technik haben seine Kinder trotzdem, und zwar ziemlich viel. Jedes Gerät kann genau eine Sache.

Telefonieren. Zu Hause steht ein Festnetztelefon, das übers WLAN läuft. Die Eltern legen fest, wen die Kinder damit anrufen können. Newport erzählt, dass sein Dreizehnjähriger den Hörer vor sich hielt, so wie man ein Handy auf Lautsprecher hält. Für Nachrichten an Freunde liegt ein altes iPad mit iMessage in der Küche. Geschrieben wird also mitten im Familienleben.

Unterwegs. Wenn die Kinder ausser Haus sind, nehmen sie ein Tastenhandy mit, das sonst in einer Schublade liegt. Danach kommt es wieder zurück. Nachrichten tippt man mühsam über die Zifferntasten, und endloses Chatten wird so von selbst unattraktiv. Das Handy kommt übrigens von einer Schweizer Firma: Punkt wurde 2008 in Lugano gegründet. Eines ihrer früheren Modelle steht seit 2016 in der Sammlung des Museum of Modern Art in New York.

Musik. Für Musik gibt es einen einfachen MP3-Player, der aussieht wie eine alte Kassette. Die Lieder hat Newport mit einem externen Laufwerk von CDs kopiert. Der Player spielt Musik ab und sonst gar nichts. Er kommt zum Beispiel mit ins Sommerlager.

Spielen. Die Nintendo Switch läuft offline und mit Spielmodulen. Sie bleibt an ihrer Ladestation angeschlossen, und gespielt wird zu festen Zeiten.

Das ist der Medienwagen, sauber auseinandergenommen. Die Eltern entscheiden wieder über jede Funktion einzeln, wie in den Neunzigern. Die Zigaretten und die Hefte kommen gar nicht erst ins Haus. Newport sagt, genau darin liegt die Stärke solcher Geräte: Sie geben Dir die Kontrolle zurück. Und das gilt für Erwachsene genauso.

Dein eigener Wagen

Vielleicht hast Du noch keine Kinder. Den Wagen hast Du trotzdem. Mit fünfundzwanzig hält Dich niemand mehr im Flur auf, also musst Du Dir die Frage der Mutter selbst stellen: Was mache ich eigentlich mit all dem Zeug?

Du kannst Newports Prinzip schon morgen anwenden. Nimm eine Funktion aus Deinem Handy heraus und gib ihr ein eigenes Gerät. Stell Dir einen Wecker auf den Nachttisch, dann kann das Handy über Nacht in der Küche bleiben. Hör beim Training Musik von einem Player, der sonst nichts kann, dann landest Du zwischen zwei Sätzen nicht in Deinen Nachrichten. Jede Funktion, die Du herauslöst, nimmt dem Wagen ein Stück Gewicht.

Wer im Flur steht

Irgendwann stehst Du vielleicht selbst in diesem Flur. Dann kommt Dein Sohn oder Deine Tochter mit dem Wagen um die Ecke, und das Argument wird dasselbe sein: Da ist doch ein Telefon drauf.

Allein ist diese Entscheidung schwer, weil angeblich alle anderen schon eins haben. Genau dafür gibt es den Verein Smartphone-freie Kindheit Schweiz, gegründet im Oktober 2024 von Alexandra Berchtold aus Bern. Wer den Elternpakt unterschreibt, sagt zu, mit dem ersten Smartphone für das Kind mindestens bis zum 14. Geburtstag zu warten und eigene Social-Media-Konten frühestens ab dem 16. Geburtstag zu erlauben. Je mehr Eltern in einer Klasse mitmachen, desto schwächer wird das stärkste Argument der Kinder.

Das Vorbild stammt aus Grossbritannien. In einem Spot der Bewegung Smartphone Free Childhood fällt ein Satz, der hängen bleibt: “Wir verlangen zu viel von unseren Kindern, wenn wir ihnen ein Smartphone geben.”

Die Mutter in Newports Geschichte hat ihren Sohn angehalten, obwohl ein Telefon auf dem Wagen stand. Heute braucht es wieder jemanden, der im Flur steht. Und wenn Du einmal Kinder hast, schauen sie zuerst darauf, wie Du mit Deinem eigenen Wagen umgehst. Fang also bei Dir an.

Quelle: Cal Newport (Deep Questions Podcast). Schweizer Zahlen und Fakten: swissinfo.ch, srf.ch, smartphonefreiekindheit.ch, punkt.ch

Alles Liebe,

Nicola

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Ich bin Nicola Flückiger und Gastgeber des Schweizer Podcasts Catch The Zenith, mit über 200 erschienenen Episoden.

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Dieser Podcast ist mein Versuch, jungen Schweizer Männern zu produktiver Grosszügigkeit zu verhelfen, mich selbst und die Welt besser zu verstehen und die friedliche Koexistenz unterschiedlicher Meinungen zu fördern.

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